Die Burgunder-Jahrgänge 2010 und 2012 stehen für zwei fundamental unterschiedliche Ausdrucksformen dieser einzigartigen Weinregion. Beide gehören zur Spitzengruppe der letzten zwei Jahrzehnte, verfolgen jedoch völlig verschiedene stilistische Wege: 2010 als Monument klassischer Struktur und Langlebigkeit, 2012 als Botschafter burgundischer Eleganz und unmittelbaren Trinkspasses.
Diese Analyse beleuchtet beide Jahrgänge systematisch – von den meteorologischen Bedingungen über stilistische Charakteristika bis hin zu konkreten Empfehlungen für Weinliebhaber und Sammler.
Unser Bericht wurde möglich durch verschiedene Verkostungen sowie Fachveranstaltungen, die Vinifera-Mundi in den letzten fünf bis 15 Jahren, also auch vor der Vermarktung der Erzeugnisse beider Jahrgänge, durchgeführt oder besucht hat. Auf jeden Fall galt die Absicht, unsere Meinung fortlaufend zu überprüfen. Beide Jahrgänge gehören tatsächlich zu unserer Spitzengruppe der letzten zwei Jahrzehnte.
Stilistik – Rotweine
Burgund 2010 – Der Titan
Die roten 2010er sind Weine von aussergewöhnlicher innerer Spannung und Komplexität. Auffällig ist das Zusammenspiel von enormer Konzentration und einer hochkristallinen, geradezu schneidenden Säure. Die Tannine sind präsent, qualitativ jedoch von feiner Textur – kein Holztannin, sondern ein reifes Frucht- und Gerbstoffgerüst, das auf Jahrzehnte der Entwicklung ausgelegt ist.
Aromatisch präsentieren sich die Weine mit dunkler Frucht (Cassis, Brombeere, schwarze Kirsche), ergänzt durch mineralische Noten, Unterholz, Veilchen und charakteristische Würze. Grosse Lagen der Côte de Nuits – Chambolle-Musigny, Vosne-Romanée, Gevrey-Chambertin – zeigen eine Tiefe und Mehrschichtigkeit, die an Legenden-Jahrgänge wie 1990 und 2005 erinnert.
Führende Kritiker wie Allen Meadows, Burghound (Link), und Neal Martin, Vinious (Link), zählen 2010 zu den drei besten Rotweinjahrgängen der letzten drei Jahrzehnte. Seinerseits schreibt Jasper Morris MW, Inside Burgundy (Link): «The reputation of the 2010 vintage has continued to grow, so that for red wines it is now seen as perhaps the best vintage for a generation, excluding 2005.» Die grossen Crus sind heute vielfach noch verschlossen und zeigen erst einen Bruchteil ihres Potenzials.

Burgund 2012 – Der Charmeur
Die roten 2012er sind das stilistische Gegenbild zu 2010 – und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint. Wo 2010 majestätisch und monumental wirkt, ist 2012 fliessend, extrovertiert und sofort verführerisch. Die Tannine sind seidiger und früher integriert, die Säure hoch, aber harmonisch eingebunden, die Frucht sofort zugänglich und charmant.
Das Aromenprofil dreht sich um rote Beerenfrüchte (Erdbeere, Himbeere, Kirsche), florale Noten und eine feine Mineralität. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit der 2012er, Terroircharakter klar zu transportieren: Ein Wein aus Chambolle riecht nach Chambolle, ein Volnay nach Volnay. Diese Terroir-Reinheit wird von Kennern besonders geschätzt. Diese Reinheit war ab Fass zwar noch nicht so ausgeprägt wie beim folgenden Jahrgang, sie wird sich jedoch mit der Zeit entwickelt haben.
2012 ist keine Vereinfachung. Die besten Lagen besitzen durchaus Tiefe und Lagerpotenzial. Die Weine zeigen ihren Charme früher als im Jahr 2010 und belohnen Konsumenten, die nicht Jahrzehnte warten wollen oder können.
Stilistik – Weissweine
Burgund 2010 – Präzision und Mineralität
Auch bei den Weissweinen lieferte 2010 einen der besten Jahrgänge der jüngeren Geschichte. Die Chardonnays aus Meursault, Puligny-Montrachet und Chassagne-Montrachet zeigen eine bemerkenswerte Kombination aus Fülle und mineralischer Straffheit. Die Säure ist brillant und verleiht diesen Weinen ein langes Entwicklungspotenzial. Corton-Charlemagne war in vielen Fällen aussergewöhnlich. Die besten weissen 2010er befinden sich heute in einem schönen Trinkfenster, besitzen aber noch Reserven für weitere Entwicklungsjahre.
Burgund 2012 – Konzentration mit gewisser Üppigkeit
Die weissen 2012er sind üppiger und opulenter als die 2010er – eine Reaktion auf den warmen Spätsommer. Meursault und Corton-Charlemagne glänzen mit reicher Frucht, Nussnoten und guter Tiefe. Bei manchen Weinen besteht die Frage nach der langfristigen Balance: Wer zu viel Reife angehäuft hat, könnte früher ermüden. Hochkarätige Weisse von Domaines wie Leflaive, Roulot, Coche-Dury oder Sauzet verdienen im Jahr 2012 dennoch volle Aufmerksamkeit.
Chablis bildet die Ausnahme: Hagelschäden haben das Chablisien 2012 spürbar geschwächt. Hier ist 2010 klar überlegen.
Fazit & Empfehlung
2010 und 2012 repräsentieren zwei der überzeugendsten Argumente dafür, dass Burgund die faszinierendste Weinregion der Welt ist. Nicht weil beide dasselbe sagen – sondern weil sie es so verschieden sagen und beide mit solcher Überzeugungskraft.
Für Sammler mit Langzeithorizont
2010 ist der Jahrgang für diejenigen, die bereit sind, Zeit als Investition zu verstehen. Die grossen Lagen – Grands Crus und Top-Premiers-Crus der Côte de Nuits – sind 2026 noch weit von ihrem Höhepunkt entfernt. Sie zeigen Substanz, Spannung und eine mineralische Tiefe, die auf Jahrzehnte der Entwicklung ausgelegt ist. Wer heute eine Flasche Chambertin, Bonnes-Mares oder Clos de la Roche aus 2010 öffnet, bekommt einen grossen Wein – aber noch nicht den grössten, der in der Flasche steckt.
Die besten Grands Crus dieses Jahrgangs werden zwischen 2030 und 2045 ihre volle Entfaltung erreichen. Die allerbesten haben das Potenzial, darüber hinauszugehen. Wer Geduld mitbringt, wird mit Erlebnissen belohnt, die in ihrer Komplexität, Tiefe und Präzision zu den eindrücklichsten gehören, die Burgund zu bieten hat. Die höheren Preise gegenüber 2012 sind für diese Qualität und Langlebigkeit gerechtfertigt.
Für den Genuss der kommenden Jahre
2012 ist kein Kompromiss – es ist eine eigenständige Wahl, die aus voller Überzeugung getroffen werden kann. Der Jahrgang befindet sich 2026 in einer der schönsten Phasen seiner Entwicklung: offen, ausdrucksstark, terroirklar. Die Weine haben sich entfaltet, ohne ihre Struktur aufgegeben zu haben. Das ist selten und wertvoll.
Besonders die Premiers Crus und Grands Crus aus Chambolle-Musigny, Vosne-Romanée, Morey-Saint-Denis und Gevrey-Chambertin zeigen derzeit eine Harmonie und Lagenexpression, die ihresgleichen suchen. Jede Appellation spricht ihre eigene Sprache – klar, unverfälscht, ohne die Verschlossenheit, die viele 2010er noch prägt. Wer heute eine Flasche öffnet, trifft einen Wein, der kommuniziert, der erzählt, der den Ort beschreibt, aus dem er kommt.
Gleichzeitig wäre es falsch, 2012 auf seinen heutigen Trinkspass zu reduzieren. Die besten Flaschen – Musigny von Vogüé, J.F. Mugnier, Christophe Roumier oder Jacques Prieur, Bonnes-Mares der drei ersten Domaines sowie von Bruno Clair, Clos de la Roche von Rousseau, Ponsot, Dujac, Hubert Lignier, Lécheneaut oder David Duband, die grossen Crus von Vosne – haben noch 15 bis 25 Jahre ernsthafter Entwicklung vor sich. Das ist kein Jahrgang, der seine Substanz schnell verbraucht. Es ist ein Jahrgang, der sie anders zeigt: eleganter, fliessender, früher zugänglich – aber nicht weniger tief.
Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist bei guten Premiers Crus ausgezeichnet. 2012 wird im Markt noch immer unterschätzt, was ihn für den kenntnisreichen Käufer besonders interessant macht.
Wir empfehlen unsere folgenden Berichte:
- Der Burgunder-Jahrgang 2012 – Eine Verkostung
- Gegen Ende Juni 2026 erhältlich: Der Burgunder-Jahrgang 2010 – Ein aussergewöhnlicher Jahr-gang



