Auf den Autokennzeichen steht „PACA“ und „13“. PACA ist die Abkürzung für die französische Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, 13 ist die Nummer des Départements Bouches-du-Rhône. Wir sind im Süden Frankreichs, im Midi. Und wir erkunden ein urbanes Terrain, dessen Ruf nicht der beste ist.
Dies ein Plädoyer für ein unterschätztes Reiseziel, und zwar (auch) ausdrücklich, wenn es um Wein und Genuss geht. Die Rede ist von Marseille.
Die Metropole am Mittelmeer ist nach Paris Frankreichs zweitgrösste Stadt. Sie hat selbst keine geschützte Herkunftsbezeichnung für Weine, ist jedoch umgeben von zahlreichen Weinbaugebieten der Provence und der Rhône. Am nächsten liegen die geschützten Herkunftsbezeichnungen (AOP = Appellation d’Origine Protégée) Cassis, Coteaux d’Aix-en-Provence und Palette. Darüber hinaus sind 15 Gemeinden im Département Bouches-du-Rhône für die AOP Côtes de Provence zugelassen.

Wein erleben in Marseille
Das Wahrzeichen von Marseille ist die Basilika Notre Dame de la Garde (Link). Sie thront hoch über der Stadt und ist bereits bei der Anreise sichtbar – sowohl von der Autobahn aus Richtung Norden als auch vom Bahnhofsvorplatz. Auch der Bahnhof Saint-Charles liegt erhöht, denn die Topographie von Marseille ist sehr hügelig. Man fühlt sich zuweilen an San Francisco erinnert. „In Marseille ist es unvermeidlich, rauf und runter zu gehen“, sagt Beatrice Manzato vom Tourismusbüro der Region PACA. Für Fahrradfahrer sei das schwierig. Vielleicht gibt es in der Stadt auch deshalb so viele Motorroller und Motorräder, deren Lärm und Abgase nicht zu ignorieren sind.
Marseille ist eine Grossstadt, eine Hafenstadt und eine Stadt des Südens: lebendig, geschäftig und wie alle Städte dieser Kategorie sicher nicht die sauberste und ruhigste – aber mit einem einzigartigen mediterranen und maritimen Flair. „Marseille ist ehrlich, hier wird nichts versteckt“, formuliert es Beatrice Manzato. Am Vieux Port, dem Alten Hafen, herrscht rund um die Uhr Trubel. Oberhalb der Hafenpassage liegt der Pharo, ein Palast mit Park, wo die Aussicht auf das Meer am schönsten ist. Die Nähe zu Afrika zeigt sich im Stadtbild in Menschen, Gastronomie und Kultur. Viele Einwanderer kamen mit der zweiten Welle aus Algerien; die erste Welle ging von Italien aus.
Notre Dame de la Garde und Grenadine
Um einen ersten Eindruck von Marseille zu bekommen, empfiehlt sich zu Beginn des Aufenthalts der Besuch der Basilika Notre Dame de la Garde, genannt „La Bonne Mère“, die gute Mutter. Wer den steilen Aufstieg scheut, nimmt den Bus der Linie 60. Auf dem Kirchturm erhebt sich eine elf Meter grosse, vergoldete Marienfigur, die im Sonnenlicht erstrahlt. Die Kirche selbst ist im neoromanisch-byzantinischen Stil erbaut, und von Aussichtsplattformen auf unterschiedlichen Ebenen hat man einen unvergleichlichen Blick über die Stadt und den Hafen. Wer das angemessen geniessen will, sollte spätestens um 17 Uhr hier oben sein, denn um 18 Uhr schliesst das Areal, und das Sicherheitspersonal ist beim Rauswurf unerbittlich.
Dann ist aber der perfekte Zeitpunkt für einen Apéritif in der Naturweinbar „Grenadine“ an der 47, Rue d’Endoume im 7. Bezirk (Link). Der Abstieg von der Basilika lässt sich so gestalten, dass man hier ohne Umweg vorbeikommt. Inhaberin Nominoé Guillebot hat als Sommelière in Paris und London gearbeitet, bevor sie das „Grenadine“ als Weinhandlung und Weinbar eröffnete. Das Konzept ist einfach: Die Naturweine lagern offen sichtbar in zwei verglasten, klimatisierten Räumen rechts neben dem Eingang. Im einen liegen bei 10 Grad die Weiss-, Orange- und Schaumweine, im anderem bei 14 Grad die Rotweine. Ein Glas gibt es ab sechs Euro, auf den Preis der Flasche kommt bei Verzehr im Lokal ein Korkgeld von zehn Euro. Die Gäste sitzen im kleinen Raum, der mit kleinen Tischen und Hockern aus den Fünfzigern sowie einer Bank möbliert ist. Bei schönem Wetter gibt es ein paar Sitzgelegenheiten im Eingangsbereich. Das Publikum kommt zum grossen Teil aus der Nachbarschaft und reicht von Geschäftsleuten bis zu Familien. Zu den Naturweinen gibt es auch hausgemachte Kleinigkeiten zu essen.
L’Abri
Ein ganz anderes gastronomisches Konzept und eine Kuriosität findet sich im „L’Abri“ (114 Boulevard de la Corderie, 7. Bezirk). Das Restaurant (Link) ist auch ein „chai urbain“, eine Weinkellerei in der Stadt. Also nicht nur Weinkultur, sondern sogar Weinproduktion in Marseille selbst? Wahrhaftig! Die Kellerei mit Edelstahltanks, Presse und Abfüllanlage ist im hinteren Teil des Restaurants durch eine Glastür zu sehen.
Früher war dieses Gebäude eine Seilerei. Franck Pasquier und Gauthier Idrac kauften es 2017 und etablierten hier zuerst die Weinkellerei; später kam ein Bistro mit einfacher Küche hinzu. Die biologisch angebauten Trauben stammen von zehn Hektar Weinbergen in der Gemeinde Eygalières in den Alpilles, etwa eine Dreiviertelstunde Autofahrt von Marseille entfernt. Hier werden acht Hektar rote Rebsorten (Cinsault, Grenache Noir, Syrah, Mourvèdre) und zwei Hektar weisse Sorten (Clairette, Bourboulenc, Grenache Blanc, Vermentino) kultiviert. Die Weine werden mit natürlichen Hefen produziert und im Edelstahl ausgebaut. Sie kommen ungefiltert und nur minimal geschwefelt auf die Flasche: ein Schaumwein, ein Weisswein und sechs Rotweine. Grösstenteils tragen sie die Herkunftsbezeichnung Vin de France. Die Flaschen sind recyclebar, und die Etiketten gestaltet ein Freund von Franck.
Inzwischen ist das „L’Abri“ auch ein vollwertiges Restaurant. Die Gäste sitzen im modernen, gemütlichen Gastraum mit Tresen und offener Küche oder auf der Terrasse vor dem Lokal; der Verkehr an der Hauptstrasse ist allerdings lebhaft und laut. Küchenchef Pierre Meynet bereitet Gerichte im Tapas-Stil zu, das professionelle Serviceteam um Restaurantleiterin Xuân Iam betreut die Gäste. Auf der Karte stehen neben den eigenen Weinen auch viele weitere regionale, oft Naturweine.


