Seit 2019 verfolgt Vinifera-Mundi den Weg der Domaine Olivier Bernstein (Link) durch die Jahrgänge und mit jedem Besuch bestätigt sich derselbe Eindruck: Hier entsteht kein Wein, der beeindrucken will, sondern einer, der sich zurücknimmt, um umso genauer zu wirken. Der Stil des Hauses ist heute von einer Klarheit geprägt, die sich am ehesten mit dem Vokabular des klassischen Tanzes beschreiben lässt. Man denkt an Sylvie Guillem – jene Ausnahmetänzerin, deren Kunst nie in der Kraft, sondern in der Reduktion lag, in der Fähigkeit, Bewegung so weit zu entschlacken, bis nur noch das Wesentliche, das absolut Präzise übrig blieb. Genau diese Ökonomie der Mittel findet sich heute in den Weinen von Olivier Bernstein: nichts Überflüssiges, keine Geste zu viel, aber jede Linie von äusserster Spannung.
Der Jahrgang 2025 selbst tritt in einem Burgund an, das sich klimatisch neu erfindet. Nach einem eher kühlen, feuchten Frühjahr und einem disziplinierten, spät einsetzenden Sommer zeigte sich die Côte de Nuits mit einer Reife, die weniger von Hitzestress als vielmehr von einer bemerkenswerten Ausgewogenheit geprägt war. Es ist ein Jahrgang, der Fragen an die Winzer stellt – und der bei der Domaine Olivier Bernstein zu einer der konsequentesten stilistischen Antworten der letzten Jahre geführt hat.

In dieser Farbsymphonie aus Notenblättern spiegelt sich die kulturelle Prägung wider, die Bernstein von der Welt der Nuancen, Interpretationen und feinsten Ausdrucksmittel in die der grossen Burgunder führte – wo er, analog zur musikalischen Interpretation, die tiefste und präziseste Stimme des Terroirs sucht.
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Der Jahrgang 2025: Eine neue Wirbelsäule
Bleiben wir konkret. Unter den Burgunder-Kennern zeichnet sich für 2025 kein Konsens ab, was den historischen Vergleich betrifft – zumindest nicht in Richtung der grossen, hitzegeprägten Jahrgänge wie 2003 oder 2018. Wenn überhaupt, dann fallen eher die Zahlen 2005 oder 2015: zwei Jahrgänge mit dichter, gut eingebundener Tanninstruktur und beachtlichem Reifepotenzial, ohne die Extreme jener Ausnahmesommer. Und doch sind sich dieselben Experten einig, dass jeder Vergleich an seine Grenzen stösst: Die Frische, die Spannung, die geradezu unerbittliche Säure des Jahrgangs 2025 erinnern eher an 2021 – einen Jahrgang, der aus ganz anderen klimatischen Gründen zu seiner Straffheit fand. 2025 verbindet damit zwei Eigenschaften, die man bislang selten im selben Jahrgang vereint sah: die Substanz von 2005 oder 2015 und die Nervosität von 2021.
Genau in dieser Kombination liegt der entscheidende strategische Wechsel, den Olivier Bernstein gemeinsam mit Richard Seguin vollzogen hat: Die Wirbelsäule eines grossen Burgunders ist für sie nicht mehr in erster Linie die Dichte der Tannine, gestützt von kräftiger Säure. Sie ist die Präzision der Säure selbst – eine gleichsam transzendentale Säure, fein austariert im Zusammenspiel mit allem, was sie umgibt: mit ultra-verfeinerten, seidigen Tanninen, mit der vollen Reife der Trauben.
Die Önologie unterscheidet hier nicht drei, sondern sechs Dimensionen (siehe oben: physiologisch, phänologisch, technologisch, polyphenolisch, aromatisch und schliesslich önologisch, also das Zusammenspiel all dieser Reifen im Hinblick auf den gewünschten Weinstil) – und, mit der Reifezeit im Keller und in der Flasche, mit einer komplexen, reintönigen Aromatik.
Warum dieses feinere Raster gerade für einen Jahrgang wie 2025 den Unterschied macht, liegt auf der Hand: Je enger die Fenster der einzelnen Reifedimensionen zusammenrücken – wie es in einem Jahr mit der Substanz von 2005 oder 2015, aber der Frische von 2021 der Fall ist –, desto mehr Entscheidungsspielraum eröffnet sich zwischen ihnen und desto wichtiger wird es, sie einzeln zu erkennen, statt sie unter dem Sammelbegriff „Reife“ zu verwischen. Eine Ernte, die sich allein an der technologischen Reife (Zucker, Säure) orientiert, liefe Gefahr, die phänologische oder önologische Reife zu verpassen – also entweder unreife Rappen für die Ganztraubenvergärung zu ernten oder aber den Moment zu versäumen, in dem sich all diese Parameter zu genau jener Architektur fügen, die die Domaine anstrebt: Säure als Rückgrat, Tannine als Begleitung. Das sechsteilige Modell liefert damit weniger eine zusätzliche Zahl als ein Vokabular, um diese Präzisionsarbeit zu benennen.
In dichten, substanzreichen Jahrgängen wie 2005 oder 2015 lag die Versuchung stets nahe, die Tanninkraft in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen. 2025 zeigt bei der Domaine Olivier Bernstein den Gegenentwurf: Wenn die Säure – jene an 2021 gemahnende, fast schneidende Frische – zur eigentlichen Struktur wird und die Tannine sich ihr unterordnen, entsteht eine Architektur von grosser Eleganz – ein Wein, der Kraft besitzt, ohne sie herauszustellen.
2025: Die vollständige Ganztraubenvergärung
Ein zentrales technisches Element des Jahrgangs ist der konsequente Einsatz der vendange entière – der Vinifikation mit vollständig entrappten, aber ganzen Trauben – über das gesamte Sortiment hinweg. Richard Seguin bestätigt, dass 2025 durchgängig zu 100 Prozent mit Ganztrauben ausgebaut wurde, eine Entscheidung, die die diesjährige stilistische Linie unmittelbar stützt.
Die Logik dahinter erschliesst sich aus dem oben Gesagten: Ganze Trauben bringen über die Rappen zusätzliche, feinere Tanninstrukturen und eine gewisse frische, würzige Straffheit in den Wein – vorausgesetzt, die Rappen selbst erreichen die nötige phenolische Reife, was 2025 offenkundig der Fall war. Statt also durch technologische Extraktion künstlich Struktur zu erzeugen, überlässt man den Trauben selbst die Aufgabe, Tannin und Säure in ein natürliches Gleichgewicht zu bringen.
Für die Zukunft dürfte diese Methode in warmen Jahrgängen an Bedeutung gewinnen: Wo klassische Vinifikationstechniken riskieren, die tanninreiche Fülle solcher Jahre noch zu verstärken, wirkt die Ganztraubenvergärung – richtig eingesetzt – wie ein natürliches Korrektiv, das Frische, Würze und vertikale Spannung in den Wein zurückträgt. Es ist ein Werkzeug, das man nicht routinemässig, sondern situativ und mit Fingerspitzengefühl einsetzen muss, ganz wie es die Domaine 2025 getan hat.
Die Verkostung
Alle Weine wurden verkostet. Alle Notizen sind im vollständigen Bericht.
Ein Vorwort
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Aus diesem Grund bleiben wir unserer Zugehörigkeit zur europäischen Verkostungsschule treu. Aufgrund unserer Erfahrungen mit den Weinen der Domaine wagen wir dennoch, die Weine auch arithmetisch zu bewerten – die aromatische Komplexität der Weine dieses Jahrgangs – wie übrigens auch die der vorherigen Jahrgänge – ist nach wie vor ein wesentliches Merkmal der Erzeugnisse der Domaine. Last but not least machte Richard Seguin darauf aufmerksam, dass die Weinbereitung ohne Schwefel erfolgt.
Wir empfehlen jedoch, unsere Bewertungen nach dem französischen (/20) und dem amerikanischen (/100) System mit Vorsicht zu betrachten.
Gevrey-Chambertin 1er Cru Les Champeaux 2025
Der bewundernswerte, perfekt gemeisterte Spagat zwischen der für die Weine der Domaine typischen Raffinesse und der den Weinen dieser AOC innewohnenden Kraft. Die Nase offenbart eine für diese Klasse atemberaubende Finesse und bietet zugleich eine Aromenpalette, die aktuell von schwarzen Beeren geprägt ist. Der sehr frische Gaumen bringt auf subtile Weise den Charakter des Terroirs zum Ausdruck. Kraftvoll und delikat zugleich, verfügt er über eine Säure, die eine gute Reifung ermöglicht, während der Einfluss der ganzen Trauben (florale Elemente unter anderem) sehr gut zur Geltung kommt. Ein Champeaux, der zweifellos zu den besten des Jahrgangs gehören wird. Potentialbewertung: 17.75-18.25/20 (92-94/100).
Clos Vougeot (Grand Cru) 2025
In der Nase noch zurückhaltend, auch wenn seine Vielfältigkeit bereits seine Herkunft verrät. Rasse, Kraft und Tiefe – ein Charakter, der dazu neigt, sich nach aussen zu entfalten. Sehr frisch, die Frucht zeigt sowohl rote als auch schwarze Beeren. Der erdige Charakter hat seinen Ausdruck noch nicht voll entfaltet, während die blumigen Noten der Ganztraubenverarbeitung deutlicher wahrnehmbar sind als bei den beiden vorherigen Weinen. Am Gaumen präsentiert sich der Wein sehr frisch und komplex, strukturiert, geschmeidig und ausgefeilt, mit einer sehr schönen, erfrischenden Säure; alles wirkt bereits wunderbar miteinander verwoben, begleitet von schönen würzigen Noten. Potentialbewertung: 18-18.5/20 (93-95/100).
Clos de la Roche (Grand Cru) 2025
Regelmässig der Wein, der mich am meisten begeistert – und der sich radikal vom vorherigen unterscheidet. Das ist aber eine persönliche Meinung. Absolut herrliches Bouquet, transzendent, komplex, rassig, frisch, mit köstlichen kleinen schwarzen Beeren und einigen Noten von getrockneten Blumen und Unterholz. Am Gaumen steht er dieser faszinierenden Nase in nichts nach. Elegant, ultrafein, präzise, reintönig, sehr frisch, mit einer straffen, energiegeladenen, lebhaften Struktur und filigranen, dichten Tanninen. Sehr schöne Spannung und ein sehr langer Abgang. Sollte zu den bedeutendsten Weinen der Appellation gehören. Potentialbewertung: 18.5-19/20 (95-97/100).
Chambertin Clos-de-Bèze (Grand Cru) 2025
Eine verschlossene Nase, unbestreitbar komplex, die sich Zeit nimmt, um ihre Duftpalette zu enthüllen. Eine eiserne Faust im samtenen Handschuh. Von edler Abstammung lässt er sich auf sich selbst ein, offenbart bereits in diesem Alter seine Eleganz und seine scheinbare Zartheit, seine extreme Harmonie und seine Tiefe, die so dunkel wirkt wie eine Farbpalette von Pierre Soulage. Ein Wein, der umso mehr beeindruckt, als man nach einer Weile beginnt, hier nach der legendären Weiblichkeit des Crus zu suchen. Konzentriert, ausgefeilt, sehr frisch und betörend – so präsentiert sich das Bouquet des Clos-de-Bèze. Zweifellos weniger direkt als der Mazis. Die Frucht ist dunkel und die durch die Ganztraubenverarbeitung begünstigten blumigen Nuancen sind deutlich wahrnehmbar. Vollmundiger, dichter, konzentrierter, komplexer Gaumen, ultraraffiniert, rein im Geschmack, präzise und ausserordentlich langanhaltend. Potentialbewertung: dürfte 19/20 (97+/100) übertreffen.
Chambertin (Grand Cru) 2025
Zum Zeitpunkt der Verkostung befand sich dieser Wein in einer halb verschlossenen, halb monolithischen Phase – noch nicht gereift genug, um sich einer ausgewogenen Bewertung ganz zu öffnen. Und doch ist bereits jetzt unübersehbar: Hier entsteht ein monumentaler Wein. Äusserst rein, äusserst präzise, äusserst raffiniert, dabei sehr frisch, sehr tiefgründig und kraftvoll, zeigt er sich kompromisslos auf die Zukunft ausgerichtet. Ein Wein, der die Geschichte des Weinguts prägen könnte – und sollte.



