Domaine Hubert Lamy
Der Jahrgang 2023

Einen Besuch bei Olivier Lamy (Link) zu machen, ist keineswegs damit zu vergleichen, eine Kultstätte aufzusuchen oder Fan eines düsteren Entertainers zu werden, der sich als Politiker versucht. Einen Besuch bei Olivier Lamy zu machen, bedeutet, bereit zu sein, die eigenen Überzeugungen, ja sogar die eigene Er­fahrung mit der Kunst des Weinbaus, in Frage zu stellen. Kompromisslos, aber stets auf der Suche nach Authentizität und absoluter Präzision.

Denn Olivier Lamy ist kein Winzer wie alle anderen. Damit wollen wir nicht sagen, dass er jeden Rebstock auswendig kennt – darin wäre er keine Ausnahme. Wir wollen auch nicht behaupten, dass er schon seit langem eine ikonoklastische Haltung eingenommen hat; sein Ansatz weist im Gegenteil alle Merkmale einer wis­senschaftlichen Herangehensweise auf. Und dieser Ansatz ist umfassend. Er betrifft jeden Schritt des Weinbaus bis ins kleinste Detail. Aus diesem Grund widmen wir der Domaine Hubert Lamy zwei Artikel. Der erste, der vorliegende, befasst sich mit den Weinen des Jahrgangs 2023, der zweite mit der Philosophie der Domaine.

Domaine Hubert Lamy

Die Weine

Olivier Lamy hat uns Mitte November 2025 empfangen und insgesamt zwei ganze Stunden gewidmet. Dies gab uns, Jasper Morris MW, Burgundy Inside (Link), Bill Nanson, Burgundy-Report (Link), Steen Öhman, Winehog (Link), Neal Martin, Vinous (Link), und mir, die Möglichkeit, nicht nur die Weine in den besten Rahmenbedingungen zu verkosten, sondern auch die Philosophie und Arbeitsweise von Olivier in ihren vielfältigsten und unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten. Und dafür möchte ich ihm an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen. Normalerweise plant ein Winzer, höchstens eine Stunde mit einem Journalisten zu verbringen, Olivier hat sich jedoch für einen Termin entschieden, der maximalen Komfort ermöglicht, und dafür sind wir ihm besonders dankbar.

Saint-Aubin (Villages) La Princée 2023

Frische, aufgeschlossene, einladende, lebhafte Nase mit einer durchaus ansprechenden Komplexität, die Sinne werden buchstäblich erweckt und das ganze Bouquet verspricht einiges für die nächsten zehn Jahre. Aus dem Glas strömen reintönige Düfte nach Birnen, weissen Blumen, Pfirsich, Wintertafeläpfeln und frischen Küchenkräutern. Ein Hauch Limette rundet das Bild ab. Vollmundiger, saftiger, ausgewogener, geschmackvoller und wiederum reintöniger Gaumen mit einem rassigen Touch, einem verführerischen Schmelz, präsenten, mineralischen Kalkakzenten sowie einer sehr guten, stützenden Säure, die zusammen mit der erfrischenden, trockenen Stoffigkeit diesem Erzeugnis ein erfreuliches Rückgrat verleihen. Macht bereits sehr viel Spass, das Potenzial ist aber da. Rundum ganz klar die makellose Unterschrift von Olivier Lamy. 17.25-17.5/20 (90-91/100).

Puligny-Montrachet (Villages) Les Tremblots Vieilles Vignes 2023

Ein verführerisches, zartes, tiefes Bouquet voller Feinheiten – man dürfte es als intellektuell bezeichnen. Aus dem Glas strömen reintönige Düfte nach Pfirsich, Weinbergspfirsich, Birne, weissen Blüten und einem Hauch von Mandelpaste. Vollmundiger, knackig-straffer, durchaus mineralischer Gaumen mit einer präsenten, aber sehr gut eingebundenen Säure, viel Fleisch am Knochen und einem anhaltenden, salzigen Abgang. 17.5/20 (91/100).

Olivier Lamy
Olivier Lamy

Saint-Aubin 1er Cru Les Frionnes 2023

Die Domaine besitzt 2.36 Hektaren in diesem 12.58 Hektaren grossen Climat, dessen Name aus dem Lateinischen «frigidus» stammt. Die Lage ist tatsächlich nach Norden ausgerichtet und der Nordwind kann stark blasen. Allerdings mit einer wesentlichen Nuance, da die Weinberge der Domaine direkt hinter dem Schloss in einem sonnigen Teil der Lage liegen. Die 2.36 Hektaren teilen sich in fünf Parzellen mit einer Pflanzdichte von rund 14.000 Rebstöcken pro Hektar auf, die zwischen 1935 und 2011 bepflanzt wurden, wobei die Trauben der jüngsten Rebstöcke deklassiert werden. Les Frionnes ist einer der meistgeschätzten Premiers Crus der Domaine. Das besondere Terroir1 der Frionnes verdient es, dass man sich näher damit befasst.

Eine herrliche Nase, trotz der sonnigen Note sehr frisch, von vielversprechender Tiefe, mit der für die Domaine charakteristischen Präzision und Reintönigkeit, komplex und wundervoll ausgefeilt – ein Beweis dafür, dass die Appellation, die manche als „das Stiefkind“ unter den Weissweinen der Côte de Beaune bezeichnen, ganz grossartige Weine hervorbringen kann. Und das sogar auf einer beträchtlichen Anbaufläche. Doch das ist nicht jedem gegeben, wie Olivier Lamy zeigt. Und es stimmt, dass auch das Alter der Reben eine Rolle spielt. Eine köstliche, üppige, gut gereifte Frucht, als stamme sie aus perfekt gepflegten Obstgärten, auf die man jedoch noch warten muss, Akazienblüten und andere weisse Blüten, eine Note von Feuerstein, Austernsaft und weitere Elemente, die sich im Laufe der Zeit offenbaren – all dies ergibt eine herrliche Komplexität, die wie geschaffen ist für Puristen. Am Gaumen ist der Wein rassig, tiefgründig, erneut äusserst reichhaltig, mineralisch – man spürt den Einfluss des Kalks –, die Obstnoten sind deutlich präsent und saftig, begleitet von Zitrusnoten; die Säure bindet alles zusammen und entfaltet eine sehr schöne Bitterkeit im sehr langen Abgang, der von grosser Eleganz geprägt ist. 18+/20 (93+/100).

1 Das Terroir von Les Frionnes zählt zu den komplexesten und ausdrucksstärksten Lagen der Domaine Hubert Lamy. Der Boden besteht überwiegend aus Mergel sowie aus lehmigem Untergrund mit zahlreichen steinigen Verwitterungsprodukten des Kimmeridgium-Kalksteins – jener geologischen Formation des Oberjura, die auch die grossen Terroirs von Chablis prägt und typischerweise reich an marinen Fossilien ist, allen voran die charakteristische, kommaförmige Auster Exogyra virgula.

Die Lage liegt nordöstlich des Dorfes Saint-Aubin, tief an einem südost- bis ostexponierten Steilhang auf rund 300 Metern Höhe, direkt oberhalb der Domaine. Der Name Frionnes leitet sich vom französischen Wort für „kühl“ ab – die überwiegend ostexponierten Hänge sind für ihre gute Bewahrung der morgendlichen Frische bekannt. Auf diesem flachgründigen, steinigen Boden reift der Chardonnay langsam, aber kontinuierlich; die Domaine selbst ordnet Les Frionnes ihrer tiefsten, komplexesten Bodenkategorie zu, in der die Reben mit ihren Wurzeln bis in den zersetzten Kimmeridge-Kalksteinuntergrund vordringen, was den Weinen ihre charakteristische Mineralität verleiht.

Saint-Aubin 1er Cru En Remilly 2023

Was für eine ausserordentlich elegante und raffinierte, komplexe, gespannte und straffe, frische und tiefsinnige Nase mit unwahrscheinlich reintönigen und verführerischen, intensiven, aber doch auch zurückhaltenden Düften nach Golden-Delicious-Äpfeln, Pfirsichen, eingemachten Birnen, weissen Blumen und etwas Quitten, die Auswirkung des warmen Jahrgangs lässt sich wahrnehmen, aber das steht diesem Wein so gut! Vollmundiger, konzentrierter, feinziselierter, mineralischer wiederum durchaus reintöniger Gaumen, die Frucht ist schlechthin köstlich und wird wieder mit Blumen ergänzt, die Säure bringt Pepp, Rasse und Frische und verstärkt das Rückgrat des Erzeugnisses, der betörende, würzige Abgang hält sehr lang an, entwickelt Kraft und eine feine Salzigkeit. Keine Überraschung, dass zahlreiche Burgunder-Liebhaber da den kleinen Bruder der beiden benachbarten Grands Crus wahrnehmen wollen. 18.25/20 (94/100).

Olivier Lamy, der Jahrgang 2023

Saint-Aubin 1er Cru Derrière Chez Edouard Haute Densité 2023

Die 0.1 Hektar der Domaine in diesem Climat teilen sich in zwei 2004 angepflanzte Parzellen, wobei die Pflanzdichte der ersten 22’000 Rebstöcke per Hektar und die der zweiten 30’000 beträgt.

Intensive, äusserst raffinierte und reintönige, tiefsinnige, komplexe Nase mit kräftigen und frischen, betörenden Düften nach Zitronenschale, Austersaft, weissen Blüten, reifen Birnen und etwas gerösteten Haselnüssen, die sich mit der Zeit wunderschön entwickelt werden, dieses Nonplusultra-Bouquet verspricht sehr viel und es eilt wirklich nicht, die Flaschen zu entkorken. Saftiger und energischer Gaumen, in dem alle Komponenten grossartig ineinander verwoben sind, grosse Rasse und Klasse, unwahrscheinlich komplex und konzentriert, aber auch durchaus elegant und präzis, eine prägnante Mineralität bildet das Gerüst, rundum gespannt bis zum sehr langen, durchaus mineralischen und salzigen Abgang. Mindestens zehn Jahre warten ist empfehlenswert. 18.5-18.75/20 (95-96/100).

Criots-Bâtard-Montrachet (Grand Cru) 2023 Haute Densité

Die Domaine besitzt seit 2015 eine 500 Quadratmeter kleine Parzelle in dieser Lage. Diese befindet sich auf einer Höhe von 240 Metern über dem Meer auf einem kiesigen, schluffig-lehmigen Boden mit hohem Kalksteinanteil. Die Pflanzdichte beträgt 24’000 Rebstöcke per Hektar, wobei die alten Rebstöcke 1975 angepflanzt wurden.

Ein Wein der Superlative mit einem beeindruckenden Bouquet, das sich durch Präzision, Vielschichtigkeit, Komplexität und Raffinesse auszeichnet. Man lässt sich sofort von diesen blumigen Düften, von Birne und Pfirsich, Orangenschale, mineralischen Noten – man hat buchstäblich den Eindruck, das Kalkgestein zu lecken – und Bienenwachs verführen. Und dieses Aromenkaleidoskop steht erst am Anfang einer vielversprechenden Zukunft. Am Gaumen verzaubert der Wein ebenso: Er präsentiert sich energisch und sehr konzentriert, wiederum unglaublich komplex und raffiniert, straff und anspruchsvoll, vielschichtig und äusserst harmonisch; die Säure ist sehr präsent, aber perfekt integriert. Dieser Wein ist eine Ode an die intellektuellen Genüsse, bis hin zum extrem langen Abgang. Ein Meisterwerk, bei dem man sich noch gedulden muss. 19+/20 (97+/100).

Lamy Haute Densité

Saint-Aubin 1er Cru Derrière Chez Edouard Haute Densité 2018

Aus der Magnumflasche. Ein umwerfendes, intensives, edles, äusserst reintöniges, komplexes und tiefgründiges Bouquet, in dem feine und finessenreiche Düfte nach Zitronen, weissem Pfirsich, Feuerstein, etwas Austernsaft, weissen Blüten und weiteren Komponenten aus dem Obstgarten, die sich im Verlauf der Jahre weiterentwickeln werden, zum Vorschein kommen.

Konzentrierter, saftiger, wiederum reintöniger, geschmackvoller Gaumen mit weiterhin viel Potenzial, einer lebhaften, erfrischenden Säure, rundum sehr mineralisch, ausgefeilt, sehr präzis und mit einem langen, salzigen Abgang ausgestattet. Wird mühelos weiter altern, nichts eilt, ihn zu verkosten. 18.25/20 (94/100).

Chassagne-Montrachet La Goujonne Vieilles Vignes 2023

Die Domaine besitzt 1.06 Hektar in diesem Lieu-dit und die Rebstöcke sind 65 Jahre alt. Der Boden ist tief und enthält roten Lehm.

Ausdrucksvolle, tiefgründige, frische und ausgewogene Nase mit köstlichen Düften nach roten und dunklen Früchten, saftigen schwarzen Kirschen, zerquetschten Walderdbeeren, Cranberries, Veilchen und weiteren Elementen, die sich im Verlauf der nächsten Jahre entwickeln werden. Sehr frischer, komplexer, saftiger, geschmackvoller, harmonischer Gaumen mit einer guten Spannung, geschmeidige, dichte Tannine, lebhafte Säure, elegante und strukturierte, süssliche Zusammenstellung, langanhaltender Abgang mit Noten schwarzen Pfeffers, das Terroir kommt sehr gut zur Geltung und das Ganze bietet ein gutes Potenzial. 17.25-17.5/20 (90-91/100).

Saint-Aubin 1er Cru Derrière Chez Edouard 2023

Intensive, sinnliche, sehr präzise und reintönige, rundum frische Nase mit exquisiten, komplexen und etwas süsslichen Düften nach Maulbeeren, saftigen Kirschen, Himbeeren, Rosenblättern und einem Hauch weissen Pfeffers, während das Holz sehr gut eingebunden ist. Frischer, ausgewogener, geschmackvoller, eleganter Gaumen mit einer mittleren Dichte und wieder dieser ausserordentlichen Reintönigkeit. Die Mineralität und die verwobene Säure bringen Lebhaftigkeit, die Tannine wirken kühl (kalkbedingt). Der langanhaltende Abgang wirkt energisch und verspricht einiges für die nächsten Jahre. Warten ist empfehlenswert. Ein potenzieller Séducteur (dt. Verführer). 17.75-18/20 (92-93/100).



Olivier Lamy Jahrgang 2023

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