Der Burgunder-Jahrgang 2018:
Ein unterschätzter Must-have-Jahrgang?

Der Burgunder-Jahrgang 2018 wird häufig unterschätzt – doch er verdient einen festen Platz in jeder guten Sammlung. Nach einem nassen Winter und Frühjahr folgte ein extrem heisser und trockener Sommer, der zu einer der grössten Ernten der letzten Jahrzehnte führte. Viele Experten sprechen von einer beeindruckenden Trilogie 2018–2020, wobei 2018 langfristig der beste der drei warmen Jahrgänge sein könnte: reif, voluminös und mit überraschender Frische. Nicht nur in dieser Trilogie erweist sich der Jahrgang als besonders spannend. Philippe Pacalet verglich ihn sogar mit dem legendären Jahrgang 1947 (Link) und fügte hinzu, dass der Burgunder-Jahrgang 2018 zu den besten Jahrgängen aller Zeiten zähle.

Hügel von Corton
Der Corton-Hügel im Frühling 2018

Warum ein absolutes Must-have? Hohe Verfügbarkeit durch grosse Erträge, exzellente Qualität bei aufmerksamen Winzern, hedonistischer Trinkspass und attraktive Preise im Vergleich zu knapperen Jahren. Die Weine verbinden opulente Frucht mit Struktur und zeigen, dass auch warme Jahrgänge echtes Terroir und Langlebigkeit bieten können.

2018 im Quervergleich

Der Jahrgang 2018 ist kein isolierter Jahrgang. Trotz der für ihn charakteristischen Hitze kann er nicht losgelöst von einem Vergleich über ein Jahrzehnt hinweg betrachtet werden.

Die Grundlage

Der Jahrgang 2018 gehört zu jenen seltenen Jahren, die Menge und Qualität gleichzeitig lieferten – und er tut dies auf seine ganz eigene Art. Die Weine zeigen hohe physiologische Reife, dichte Frucht und eine Säurestruktur, die trotz grosser Hitze erstaunlich intakt geblieben ist. Das Geheimnis liegt in der Chemie: Die Äpfelsäure wurde vom Sommer weitgehend verbrannt – unvermeidlich in einem so heissen Jahr –, doch die Weinsäure überstand die Hitze und gibt den Weinen jene Frische und Lebendigkeit, die man auf den ersten Blick nicht erwarten würde. Was bleibt, sind hedonistische, zugängliche Weine mit echtem burgundischem Charakter – üppig, aber nicht zügellos.

Im Vergleich mit seinen unmittelbaren Nachbarn in der viel besprochenen Trilogie 2018–2020 ist er der geselligste der dreider Jahrgang, mit dem man am liebsten ausgeht. Der 2019er dagegen ist der Präzisionsarbeiter: gespannter, terroirtransparenter, gleichmässiger über die ganze Region, mit einer natürlich hohen Weinsäure, die ihm Struktur und Muskulatur verleiht. Und der 2020er ist der überraschende – intensiv und dicht, aber mit einer Frische, die man ihm bei der Hitze des Sommers nicht zugetraut hätte, ein Verdienst der kühlen Nächte, die Zucker und Alkohol in Grenzen hielten. Wer die grössten Einzelflaschen sucht, findet sie vielleicht 2018. Wer blind kauft, greift besser zu 2019 – denn 2018 ist auch der inkonsistenteste der drei: Wo alles stimmte, entstanden Weine für die Ewigkeit; wo zu spät gelesen oder zu hart extrahiert wurde, kamen marmeladenartige, strukturlose Resultate heraus. Die Produzentenwahl ist hier wichtiger als in jedem anderen Jahr der Trilogie.

Was 2018 von seinem berüchtigten Vorgänger 2003 unterscheidet, ist eine schlichte meteorologische Tatsache: der Winter. Der nasse Winter und das feuchte Frühjahr hatten die Wasserreserven im Boden aufgefüllt, bevor die Hitze einsetzte. Die Reben hatten Ressourcen – und das machte den Unterschied. 2003 fehlte diese Grundlage, und die Weine zeigten es: überreif, teils gekocht, strukturschwach. 2018 dagegen hatte die Hitze von 2003, aber die Wurzeln von einem normalen Jahr. Das Resultat ist ein Jahrgang mit Wärme und Gewicht, aber auch mit Frische und Lagerpotenzial – sofern man beim richtigen Produzenten kauft.

2018 vs. 2008: zwei Säureprofile, die kaum unterschiedlicher sein könnten

2015 vs. 2018: der Populärjahrgang und der unterschätzte

2018 vs. 2019: zwei Gesichter derselben Wärme

Die Verkostung

Die Verkostung erfolgte am 18. Juni 2026 im Montmartre (Link) in Zürich. Die Weine wurden in Serien à zwei Flaschen blind ausgeschenkt. Die Teilnehmer wussten im Voraus, welche Flaschen entkorkt werden. Ausschliesslich der Gevrey-Chambertin von Fourrier und derjenige von Arlaud wurden vor dem Anlass nicht bekanntgegeben.

Burgunder-Jahrgang 2018

J.M. Fourrier, Gevrey-Chambertin (Villages) Vieilles Vignes 2018

60 Jahre alte Reben, die auf sechs Lieux-dits verteilt sind.

Eine spannende Gegenüberstellung zwischen zwei Vieilles Vignes, wobei die Rebstöcke im Durchschnitt das gleiche Alter haben, also zwei echte Vieilles Vignes. Ein Wein entwickelt sich im Verlauf der Verkostung, der andere ist schon trinkreif; der eine stellt den anderen in den Schatten, wobei der zweite auch sehr viel Genuss bietet. Die Devise eines Winzers ist « Pour vivre heureux, vivons cachés » (dt. « Um glücklich zu leben, verstecken wir uns »); ich bin mir weniger sicher, dass der zweite Winzer eine Devise braucht.

Was für ein reintöniges und tiefes Bouquet! Für einen „Villages“ grenzt dieser Wein an Perfektion; nur wenige Winzer sind in der Lage, solche „Villages“ zu produzieren. Finessenreich, ausdrucksvoll, diese Nase entfaltet sich mit der Zeit und bleibt dabei äusserst stimmig, stabil, inspirierend, frisch und verführerisch. Süsskirschen, rote Johannisbeeren, Himbeeren, dunkle Früchte, ein Hauch von Pflaume, vielversprechend und einfach köstlich. Dezente rauchige Noten runden das Profil ab. Ein frischer, komplexer, vollmundiger, samtiger Gaumen mit Klasse und Persönlichkeit; die Tannine sind filigran und bieten doch eine sehr gute Dichte, mit einer lebhaften, perfekt integrierten Säure, die das Ganze auf einem mineralischen Fundament stützt; ein langer, würziger, raffinierter Abgang. Dürfte sehr schön altern können. 17.75-18/20 (92-93/100).

Hubert Lignier, Morey-St-Denis 1er Cru Les Blanchards 2018

Potenziell grosses Kino für den, der warten kann. Eine verführerische, komplexe, raffinierte und deutlich würzige Morey-Nase mit einem vielversprechenden Spektrum reifer Düfte. Reife, saftige Kirschen, Erdbeeren, Anis, Lakritz, Rosenblätter und eine feine Holzwürze – man merkt, dass es sich um einen warmen Jahrgang handelt und dass die Eigenschaften des lehmigen Bodens viel deutlicher zum Vorschein kommen als die kalkigen Elemente. Braucht allerdings noch viel Zeit, aktuell wohl eher ein Kindermord. Am Gaumen vollmundig, saftig, raffiniert, verführerisch und erneut würzig, mit reintönigen, präzisen Noten dunkler Früchte, einer sehr geschliffenen Textur, einem dichten und dabei finessenreichen Tanninprofil, sehr gut integrierter Säure und einem langanhaltenden Abgang.
17.75-18/20 (92-93/100).

Arlaud, Gevrey-Chambertin 1er Cru Aux Combottes 2018

Verführerische, raffinierte, ja sogar edle, komplexe, aber auch für Combottes charakteristische, tiefsinnige und konzentrierte Nase mit sehr präzisen, reifen Düften nach Himbeeren, roten Johannisbeeren, Wild und schwarzen Kirschen, begleitet von weissem Pfeffer, Rosenblättern und frischer Erde. Diese Düfte sind im vollmundigen, frischen, saftigen und strukturierten Gaumen zu erkennen, die dichten Tannine sind finessenreich, die Würze etwas präsenter, die Grundlage sehr mineralisch, das Ganze ist sehr präzis und wie von einem Goldschmied verarbeitet, der Abgang sehr lang. Ein sehr junger Combottes, wie man die Weine aus diesem Climat liebt. 18/20 (93/100).

Rapet Père & Fils, Corton Pougets (Grand Cru) 2018

Delikate, elegante, tiefe, reintönige und selbstverständlich jugendliche Nase mit edlen und köstlichen Düften nach roten und dunklen Beeren, Kirschen, Pflaumen, erdigen und blumigen Komponenten, Ansätzen von Orangenschale sowie Espresso-Röstnoten. Die Auswirkungen des warmen Wetters sind völlig unter Kontrolle geblieben und die Nase wirkt frisch. Sehr guter Zusammenhalt im Glas, nicht überschwänglich, sondern gerade richtig dosiert. Sehr gute, ansprechende Konzentration und Struktur, viel Fleisch am Knochen, rundum elegant, obwohl sehr jung. Köstliche Aromen, viel Genuss in dieser Flasche, die zeigt, dass Corton auch sehr gross sein kann. Lebhafte Säure und feinkörnige Tannine runden das Bild ab, und einmal mehr frage ich mich, warum Rapet ein Insider-Tipp bleibt. 18+/20 (93+/100).

Marktentwicklung und Einkaufsstrategie

Der Burgunder-Markt hat harte Jahre hinter sich. Der Liv-ex Burgundy 150 Index stieg im Bullenmarkt 2021 um 75 Prozent – und fiel vom Hochpunkt im September 2022 bis August 2025 um 34 Prozent zurück. Was wie ein Einbruch aussieht, ist in Wirklichkeit eine gesunde Entgiftung nach Jahren spekulativer Überhitzung. Der Feinstweinmarkt startet 2026 mit dem solidesten Fundament seit 2022: Die Preise haben sich stabilisiert, die Liquidität hat sich verbessert, und die Nachfrage beginnt sich zu verbreitern. Gleichzeitig bleibt Nüchternheit angebracht: Jenseits einer kleinen Gruppe von Blue-Chip-Produzenten bleibt Burgund ein fragiler Markt. Wer selektiv und mit Kenntnis einkauft, hat jedoch selten so günstige Einstiegsmöglichkeiten gehabt wie heute.

Grands Crus – für Geduldige mit langem Horizont

Bei den Grands Crus gilt eine andere Zeitrechnung. Für einen grossen Jahrgang empfiehlt Clive Coates, frühestens zehn Jahre nach der Ernte zu beginnen – mit einem optimalen Fenster über die folgenden 15 bis 20 Jahre. Das bedeutet für 2018: frühestens 2028, mit dem Kern des Potenzials wohl zwischen 2030 und 2040. Wer heute einen grossen 2018er Grand Cru öffnet – Chambertin, Musigny, Bonnes-Mares, Clos de Vougeot – trinkt ihn fast sicher zu früh. Die Weine sind im besten Fall neugierig zugänglich, aber noch weit davon entfernt, das zu zeigen, wofür man bezahlt hat.

Grands Crus aus den grossen Lagen Burgunds können sich über 20 Jahre oder mehr entwickeln und dabei ausserordentliche Tiefe und Komplexität gewinnen. 2018 hat dafür die Substanz: Die dicken Beerenhäute des Jahrgangs haben Tanninmasse geliefert, die Weinsäure ist erhalten geblieben, die Konzentration ist da. Das Lagerpotenzial ist realaber es fordert Geduld, die über die meisten Kaufhorizonte hinausgeht.

Eine entscheidende Einschränkung bleibt: Bei den Grands Crus trennt sich 2018 stärker als in anderen Jahrgängen in zwei Lager. Die grössten Einzelflaschen des Jahrgangs gehören zum Besten, was Burgund je produziert hat – aber die Streuung ist grösser als bei 2019 oder 2020. Wer zu spät erntete oder zu hart extrahierte, hat Weine erzeugt, die möglicherweise nie wirklich aufgehen werden. Die Produzentenwahl ist deshalb bei den 2018er Grands Crus wichtiger als bei jedem anderen Jahrgang der Trilogie. Blind kaufen ist keine Option. Wissen, von wem man kauft, ist alles.

 




Vougeot

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