Bordeaux 2000 – 25 Jahre später

„I am certain that this year’s will be the vintage of the decade, if not the century.“ Mit diesen Worten fasste Christian Moueix von Pétrus im Herbst 2000 zusammen, was viele Bordelaiser damals empfanden. Die Millenniumsernte versprach Grösse – nicht nur symbolisch zum Jahrtausendwechsel, sondern auch qualitativ. En-Primeur-Kampagnen überschlugen sich mit Superlativen, und wer damals kaufte, zahlte entsprechend.

Heute, 25 Jahre später, stellt sich die entscheidende Frage: Hat der Jahrgang 2000 gehalten, was Moueix und andere versprachen? Und vielleicht noch wichtiger für den heutigen Weinliebhaber: Lohnt sich der Einstieg jetzt noch, wo die Weine ihre Trinkreife erreicht haben und der Sekundärmarkt eine Alternative zum längst vergangenen En-Primeur-Geschäft bietet?

Um diese Fragen zu beantworten, versammelte sich im vergangenen Jahr eine Runde von acht Weinliebhabern im Montmartre (Link) in Zürich zu einer konzentrierten Verkostung. Neun sorgfältig ausgewählte Weine aus verschiedenen Appellationen, allerdings kein Grand Cru Classé, bei dem alles viel zu selbstverständlich gewesen wäre, sollten ein repräsentatives Bild des Jahrgangs zeichnen – an einem einzigen Abend, mit genügend Zeit für jeden Wein, um sich im Glas zu entfalten.

Dieser Bericht vereint die Erkenntnisse jenes Abends mit einer vertieften Betrachtung der klimatischen Bedingungen, die diesen Jahrgang prägten, einer Einordnung gegenüber anderen legendären Bordeaux-Jahrgängen und einem kritischen Blick auf die heutige Marktsituation. Denn eines ist sicher: Der 2000er verdient mehr als nostalgische Erinnerungen – er verdient eine sachliche Neubewertung im Jahr 2025.

Überblick über den Jahrgang

Ein Wendepunkt in der modernen Bordeaux-Geschichte

Der Jahrgang 2000 markiert einen Wendepunkt in der modernen Bordeaux-Geschichte – nicht nur als symbolträchtiger Millenniumsjahrgang, sondern als grandiose, klassische Ernte, die den Châteaux ungewöhnliche Entscheidungen abverlangte. Anders als viele nachfolgende Jahrgänge, die sich durch ihre klaren Profile auszeichneten, präsentierte 2000 eine seltene Herausforderung: Alle Rebsorten lieferten herausragende Trauben.

Jean-Philippe Delmas, damals Gutsverwalter von Château Haut-Brion, brachte es auf den Punkt: Es wäre im Jahr 2000 durchaus möglich gewesen, nicht nur einen Grand Vin zu produzieren, sondern zwei – einen aus 100 Prozent Cabernet und einen aus 100 Prozent Merlot. Diese aussergewöhnliche Qualität quer durch alle Rebsorten stellte die Winzer vor die angenehme, aber komplexe Aufgabe, Assemblages von ungewöhnlicher Ausgewogenheit zu komponieren.

Die generelle Charakteristik des Jahrgangs unterscheidet sich deutlich von seinen Nachbarn im Jahrzehnt. Im Vergleich zu 1996, dem strukturierten, tanninbetonten Klassiker mit markanter Säure, zeigt sich 2000 opulenter und fruchtbetonter, ohne jedoch in die Überreife zu gleiten. Christian Moueix von Pétrus verglich beide Jahre wie folgt: „The last vintage with such ripe fruit was 1990. But in 1990 we knew less than we do now. We harvested sooner in 1990 than in 2000. We thinned the crop more in 2000 and we pruned more severely. So although the conditions in 1990 were actually better than in 2000, the wine of 2000 is going to be greater“ (Link).

Gegenüber 2005, dem späteren Vorzeigejahrgang des Jahrzehnts, wirkt 2000 weniger konzentriert, aber eleganter und mit subtilerer Säurestruktur. Bernard de Laage de Meux von Château Palmer erklärte damals: „The acidity was higher than usual in 2000, but the ripe fruit masks it“ (Link) – eine Beobachtung, die den Jahrgang perfekt charakterisiert. Wo 2005 mit seiner Kraft und 2009/2010 mit ihrer Opulenz und Modernität beeindrucken, besticht 2000 durch klassische Balance und Finesse.

More in depth: Die Marktreaktion und der Parker-Effekt

Die damalige En-Primeur-Kampagne war von einem beispiellosen Enthusiasmus geprägt. Robert Parker und andere einflussreiche Kritiker überschlugen sich mit Superlativen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Einfluss der Kritiker auf den Markt lieferte Château Léoville-Barton. Als Parker den Wein zur absoluten Priorität erklärte und mit aussergewöhnlich hohen Punkten bewertete (96-99/100 im April 2001), schossen die Preise von Tranche zu Tranche in die Höhe: Die erste Tranche kostete um die 50 Schweizer Franken pro Flasche; drei Wochen später lag der Preis bereits bei rund 180 Franken – eine Vervierfachung innerhalb kürzester Zeit.

Dieses Phänomen wiederholte sich bei zahlreichen Châteaux, wenn auch nicht im gleichen Ausmass, und führte dazu, dass 2000 zu einem der teuersten En-Primeur-Jahrgänge seiner Zeit wurde. Die Millennium-Symbolik, gepaart mit der tatsächlichen Qualität und den enthusiastischen Kritikerstimmen, schuf eine perfekte Marktsituation für hohe Preise – ein Umstand, der heute, 25 Jahre später, eine interessante Neubewertung erforderlich macht.

Die Verkostung

Die Verkostung fand am 4. September 2025 in der sehr angenehmen und sympathischen Atmosphäre von Zürichs Montmartre statt, einer Adresse, die wir besonders empfehlen, um den Bistro-Spirit in seiner reinsten Form zu erleben. Acht Gäste beteiligten sich am Anlass, jede*r brachte eine Flasche aus dem eigenen Keller mit, wobei der Organisator nicht nur zwei Vertreter des Jahrgangs 2000, sondern auch zwei Sauternes des folgenden Jahres zur Verfügung stellte. Der Jahrgang 2000 ist für das Sauternais nicht in die Annalen eingegangen. Die Hoffnungen auf eine vielversprechende Ernte wurden durch die sintflutartigen Regenfälle zunichte gemacht, die während der Lese über die Weinberge niedergingen. Nur sehr wenige Weine weisen eine gute Konzentration auf, und noch weniger davon zeichnen sich durch Botrytis-Aromen aus. Bereits sehr jung zeigten diese Süssweine ernsthafte Lücken und profilierten sich als Apero-Weine. 2001 gilt dafür als grandioser Jahrgang.

Château Pape-Clément 2000

Von Anfang an galt der Château Pape-Clément 2000 als einer der absoluten Stars des legendären Jahrgangs 2000 in Pessac-Léognan – und wurde unter den Graves-Weinen oft als einer der besten (oder sogar der beste) des Weinguts in den letzten 25 bis 30 Jahren gehandelt. Seit Bernard Magrez 1983 das Gut übernahm, wurde Pape Clément radikal modernisiert: höherer Merlot-Anteil (oft 50/50 mit Cabernet Sauvignon), neues Eichenholz, strenge Selektion und ein opulenter, reifer Stil, der Robert Parker sehr lag. Der 2000er profitiert massiv davon und gilt als Meilenstein.

Bernard Magrez hat lange Zeit Kontroversen ausgelöst, einerseits aufgrund seiner Herkunft als Händler, der Millionen von Flaschen in Hypermärkten verkauft hat, andererseits aber auch wegen des Skandals um die Luxusuhren, die er 2008 an die Presse verschenkte. Seine Karriere war regelmässig von Vorfällen „aggressiver Marketing-Grenzüberschreitungen” geprägt. Dennoch muss man sein unbestreitbares Talent anerkennen, das er gerade im Château Pape-Clément unter Beweis gestellt hat.

Jugendliche, etwas üppige, elegante, tiefsinnige und reintönige Nase mit harmonischen und komplexen Düften nach Zedernholz, Mokka, Torf, Rauch, verbranntem Holz, Zigarrenbox, schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren, Pflaumen, etwas Pruneaux, schwarzen Kirschen, Kräutern, Leder und Lakritz. Man könnte sich mit dem Bouquet noch lange befassen und die Düfte erahnen, die sich aktuell immer noch ein wenig zu stark hinter dem überdosierten Holz verstecken. Grosses Kino ist das allerdings. Vollmundiger, saftiger, geschliffener, eleganter, konzentrierter und tiefer Gaumen, der trotz der lebhaften Säure sehr viel Zeit beansprucht. Am liebsten in einer Enten-Karaffe von Riedel dekantieren. Sinnlicher, sehr langer Abgang, wobei der Mund auf die Sekundär- und Tertiäraromen fokussiert ist. 17.75-18.25/20 (92-94/100).

Château Lynch-Bages 2000, Pauillac

Drei Stunden im Voraus entkorkt. Ein Meisterwerk schlechthin! Ich war bis 2009 ein richtiger Bordeaux-Liebhaber, habe in diesen Jahrgang viel investiert, die Weine wiederholt verkostet und der Lynch-Bages gilt meines Erachtens als einer der besten Erzeugnisse des Jahrgangs, ja sogar des Châteaus. Er verkörpert alles, was man an klassischem Pauillac liebt: Cassis-Power, Zedern-Tabak-Komplexität, Frische und Langlebigkeit. Lynch-Bages verführt mit seiner eleganten Kraft, er ist extrovertiert, balanciert und jetzt auf dem absoluten Höhepunkt. Unwiderstehlich! 18.5/20 (95/100).





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