40-jährige Weine verdienen Respekt. Wenn sich die meisten Liebhaber gerne mit dem klassischen Bewertungssystem, sei es das 20-Punkte- oder das 100-Punkte-System, helfen, um die Qualität eines Weins einzuschätzen, möchten wir ein anderes System verwenden. Eine arithmetische Bewertung scheint uns zu verbindlich zu sein und verallgemeinert. Dies, obwohl jeder Weinliebhaber eigentlich den Spruch von Emile Peynaud (Link), dem Vater der modernen Önologie, kennen müsste, der von Jean-Marc Quarin (Link) immer wieder zitiert wird: « Es gibt keinen grossen Wein, es gibt ausschliesslich grosse Flaschen» (« Il n’y a pas de grands vins, il n’y a que de grandes bouteilles »).
Daher setzen wir auf das System, das u. a. unser Freund Bill Nanson, Burgundy-Report (Link), seit sehr langer Zeit verwendet: «Rebuy: Yes/Maybe/No». Last but not least, auch wenn die Zahl der vergangenen Jahre (40) in der Weltgeschichte begrenzt ist, ist das Jahr 1986 von dieser Geschichte geprägt. 1986 war das Jahr der Katastrophe von Tschernobyl, 1989 fiel die Berliner Mauer und das World Wide Web wurde erfunden, 1991 zerfiel die Sowjetunion, 1994 endete die Apartheid in Südafrika usw. Ereignisse von ganz anderer Tragweite als das numerische Bewertungssystem, das Weinexperten verwenden.
Cos d’Estournel 1986, Saint-Estèphe
Der umstrittenste Wein des Abends und derjenige, der die Diskussionen erst richtig in Gang brachte. Welche Eigenschaften sollte ein grosser Bordeaux nach 20, 30 oder 40 Jahren aufweisen? Soll er im wahrsten Sinne des Wortes genossen werden können, seinen Charakter und die Beständigkeit seiner Jugend unter Beweis stellen oder unter den Folgen einer zu ausgeprägten Eigenschaft – dem Holz – leiden? Warum sollte man von einem Burgunder gleichen Alters verlangen, dass er sein vorwiegend primäres Aromenspektrum entfaltet, wenn sich ein Bordeaux übermässige Holznoten leisten darf?
Von der ersten, tiefen Nase bis zum Gaumen dominierten tertiäre Aromen, darunter deutlich Tabak und Leder von einem ausgewachsenen Tier sowie Humus bei gleichzeitig komplexem (kompliziertem?) Eindruck. Man sucht die Frucht vergebens. Das Holz benimmt sich wie eine Dampfwalze und überfährt alles. Biberwein! Vermittelt den Eindruck, dass er nie kommen wird. Dafür zeigt sich der frische, komplexe, ausgewogene, relativ mineralische Gaumen durchaus attraktiv. Dies, obwohl der Mund noch sehr verschlossen und fordernd wirkte. Einzig der Abgang machte richtig Spass: fein, anhaltend und schön würzig. Hier zeigte sich kurz, was aus diesem Wein einmal werden könnte. Aktueller Marktwert laut IdealWine (Link): € 150.-. Rebuy: No/Maybe. Bestimmt interessant für Bordeaux-Aficionados oder für experimentierfreudige Weinliebhaber.
Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1986, Pauillac
Der Jahrgang 1986 zählt zu den besten Jahrgängen von Pichon Lalande überhaupt. Die Meinungen über den aktuellen Trinkstatus gehen dafür etwas auseinander: Einige Kritiker sehen ihn auf dem Zenit, andere schätzen ihn als noch immer entwicklungsfähig ein – wobei nach 40 Jahren die Provenienz (Lagergeschichte) einer Flasche entscheidend für die Qualität ist. Der Pichon Lalande 1986 zeigte sich in wunderbarer Form: komplex, harmonisch, tiefsinnig, reintönig und geschliffen, mit köstlichen Düften nach schwarzen Johannisbeeren, Pflaumen und Dörrpflaumen, Trüffel, Zedernholz, Lakritz und Leder, unterlegt mit feinen floralen Nuancen.
Das Ganze ist im strukturierten, ausgewogenen Gaumen ebenfalls vorhanden, die Tannine sind geschliffen und finessenreich, Ein Wein, der Kraft und Finesse perfekt verbindet und zeigte, wie grossartig dieser Jahrgang sein kann, wenn alles stimmt. Langanhaltender, würziger und erdiger Abgang. Ganz grosses Kino mit einem vielversprechenden weiteren Potenzial. Aktueller Marktwert laut IdealWine (Link): € 167.-. Rebuy: Yes. Meine Punkte-Bewertung: 18.25/20 (94/100).
Château Léoville Las-Cases, Grand Vin de Léoville 1986, Saint-Julien
Ein Monument und der Sieger des Abends. Ein Wein von beeindruckender Tiefe und Konzentration, Raffinement und Harmonie und ein Vorbild an Jugendlichkeit. Was für eine umwerfende, komplexe und reintönige Frucht mit roten und etwas schwarzen Johannisbeeren, aber auch Zedernholz und Tabakblättern, alles perfekt ineinander verwoben und sinnlich. Eine vorbildliche Eleganz im vollmundigen, ultraraffinierten sowie edlen, komplexen und tiefsinnigen Gaumen. Das Ganze strahle Autorität und Klasse aus, ein typischer Wein mit der Unterschrift von Michel Delon. Auch am Gaumen jugendlich und vielversprechend für noch vermutlich 20 Jahre, vielleicht sogar noch mehr. Schliesslich mit einer fantastischen Länge endend. Aktueller Marktwert laut IdealWine (Link): € 338.-. Rebuy: Yes. Meine Punkte-Bewertung: 18.75/20 (96/100).



