Reben und Natur im Wallis:
Ein Buch – zahlreiche Facetten

Das Weinmuseum und der Naturpark Pfyn-Finges haben 17 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingeladen, ihre Erkenntnisse und Gedanken zum Thema Reben und Natur zu präsentieren. Von der Biodynamie über die Hybridreben bis zum Leben der Tiere im Weinberg… Das Buch «Reben und Natur im Wallis, zwischen den Linien der Kultur», das am 30. Oktober 2020 erscheint, vermittelt einen Überblick über die aktuellsten Kenntnisse und Erfahrungen im Wallis.


Globale Erwärmung, Erfolg des Bioweinbaus, Sorge der Verbraucher um ihre Gesundheit … Das Thema «Reben und Natur» trifft den Nerv der Zeit und lädt zum Nachdenken ein. Das Weinmuseum und der Naturpark Pfyn-Finges sind diesen Fragen nachgegangen und holten im Rahmen einer interdisziplinären Forschung verschiedene wissenschaftliche Standpunkte ein. In diesem 272-seitigen, reich illustrierten Werk teilen 17 Autoren verschiedenste Fakten, Kenntnisse, Analysen und Erfahrungen.


Bis in die 1980er Jahre kümmerten sich die meisten Weinbauern kaum um die ökologischen Auswirkungen der chemischen Behandlungen. Ab dem Ende der 1970er Jahre löste die Umweltbelastung durch die Krankheits- und Schädlingsbekämpfung heftige Diskussionen aus. Zur Behandlung der Reben werden heute neue Methoden angeboten, darunter die «integrierte» Produktion, die ab 1989 von Vitival vorangetrieben wurde. Manche Winzerinnen und Winzer gehen einen Schritt weiter und setzen sich für den biologischen oder biodynamischen Weinbau ein. Seither erobert die «Bio-Welle» immer mehr Quadratmeter und der Verzicht auf Herbizide lässt die Weinberge erblühen. Die Agrarpolitik unterstützt diese Entwicklung, während sich die Labels für nachhaltigen Weinbau vermehren.

Die Publikation berichtet von der Entwicklung der Behandlung der Reben. Weiter erforscht sie die Beziehung zwischen Reben und Natur durch das Prisma der Biologie, der Agronomie, der Geschichte, der Ampelologie, der Anthropologie und der Geografie. Unter den behandelten Themen befinden sich das Terroir und seine Morphologie, die Wild- und Hybridreben, die Flora und Fauna, die globale Erwärmung und sogar die Werbebilder, die der Natur im Weinberg einen besonderen Platz einräumen.


Das Buch erscheint am 30. Oktober 2020 und versteht sich als Erweiterung der Ausstellung, die bis am 3. Januar 2021 im Weinmuseum in Sierre zu sehen ist, sowie im Natur- und Landschaftszentrum Pfyn-Finges in Salgesch.

Das Buch kann über admin@pfyn-finges.ch oder www.pfyn-finges.ch bestellt werden.

17 Artikel, 17 Standpunkte zum Thema Reben und Natur

  1. Die Rebe, natürlich gegen die Natur
    Mélanie Hugon-Duc, Anthropologin
    Natur und Kultur sind in unserem westlichen Weltbild klar getrennt. Die Annahme, dass der Begriff Natur kein Universalismus, sondern das Ergebnis einer Ideengeschichte ist, wirft zahlreiche Fragen auf. Wie steht es nun mit der Beziehung zwischen Reben und Natur?

  2. Von der Wildrebe zur kultivierten Rebe
    Dr. José Vouillamoz, Ampelograph
    Bevor die Rebe vor rund 10 000 Jahren vom Menschen kultiviert wurde, gab es sie bereits in ihrer wilden Form. Der Rausch, den der Saft ihrer vergorenen Trauben auslöst, könnte zu ihrer Domestizierung geführt haben. Hypothesen zum Ursprung des Weinbaus, seiner Entwicklung und Lokalisierung gemäss dem neusten Kenntnisstand.

  3. Zwischen verlorenem Paradies und Globalisierung: die Darstellung des Weinbergs in den Walliser Plakaten vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute
    Muriel Constantin Pitteloud, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Weinmuseums
    Seit der Antike wird die Rebe mit zahlreichen Symbolen in Verbindung gebracht. Ihre Darstellungsweise spricht Bände über die Weinbaupraktiken und unsere Beziehung zur Natur. Entzifferung von 150 Jahren Werbegrafik im Wallis.

  4. Die geomorphologische Beschaffenheit der Walliser Weinberge
    Emmanuel Reynard, Geograf, Universität Lausanne
    Die Walliser Weinberge sind Teil einer dynamischen und kontrastreichen Landschaft, die ihre eigene Geschichte und Besonderheiten hat. Keine Parzelle gleicht der anderen und jede ist durch spezifische Eigenschaften geprägt. Die Analyse des Reliefs erzählt die Geschichte dieses Terroirs und bringt ein aussergewöhnliches Erbe ans Licht.

  5. Flora und Fauna im Rebberg – früher und heute
    Antoine Sierro, freischaffender Entomologe und Ornithologe
    Die starke Intensivierung des Weinanbaus zwischen 1950 und 1980 liess die Artenvielfalt in den Rebbergen verarmen. Die Reduktion der Herbizide, das Aufkommen von Parzellenbegrünungen und die Pflanzung von Bäumen förderten die Rückkehr von Pflanzen, Vögeln, Insekten und Feldhasen. Nachfolgend werden diese Rebberg-Bewohner sowie ihre jeweiligen Anforderungen an den Lebensraum vorgestellt.

  6. Vom Gestein zur Rebe, dank der Bodenlebewesen
    Jean-Michel Gobat, Honorarprofessor der Universität Neuchâtel
    Die Walliser Rebbergböden haben auf verschiedensten Gesteinen und dank unzähliger Bodenlebewesen Gestalt angenommen. Dieses Bodenleben ist der Hauptverbündete des Winzers und bringt Mineralien und Charakter in die Trauben. Die Herausforderung besteht darin, das Gleichgewicht dieser biologischen Vielfalt langfristig zu erhalten.

  1. Das Klima der Weinberge im Wallis
    Dr. Jean-Michel Fallot, Lehr- und Forschungsbeauftragter, Institut für Geografie und Nachhaltigkeit (IGD), Universität Lausanne (UNIL)
    Umgeben von hohen Bergketten, geniesst das Wallis im Vergleich zum Rest der Schweiz ein trockeneres und sonnigeres Klima. Der Weinbau wird von Lufttemperatur, Frost, Niederschlag und Sonnenschein beeinflusst. Diese Parameter variieren von Region zu Region und haben sich in den letzten hundert Jahren verändert. Bestandsaufnahme und Perspektiven im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung.

  2. Klimatische Entwicklung und Weinbau in der Schweiz
    Vivian Zufferey, Agraringenieur und Forscher der Abteilung Pflanzenbau, Agroscope
    Die Klimaerwärmung hat einen Einfluss auf die winterlichen Niederschläge und die Wasserreserven. Sie erhöht auch das Risiko für extreme meteorologische Ereignisse. Ist der Schweizer Weinbau in der Lage, sich daran anzupassen? Eine Analyse und Antworten auf diese Frage im Licht der aktuellen Forschung.

  3. Die Weinbaujahre 1885-2019: kleine klimatisch-ökonomische Chronik
    Auszüge aus den Verwaltungsberichten des Walliser Staatsrats (1885-2009) und den Weinbau-Jahresberichten (2010-2019)

    Sabine Carruzzo-Frey, Historikerin, in Zusammenarbeit mit Laetitia Sauthier, Historikerin
    Jedes Weinjahr geht mit besonderen meteorologischen Bedingungen einher, die den Jahrgang prägen. Die Verwaltungsberichte des Staatsrats liefern wertvolle Informationen zum Klima sowie zur Menge und Qualität der Ernte über mehr als ein Jahrhundert.

  4. Zwei Agronomen der Renaissance definieren Freund und Feind der Rebe: Charles Estienne und Olivier de Serres
    Pierre Dubuis, Mediävist, UNIL und UNIGE
    Von der Antike bis zum Mittelalter befassen sich viele Texte von Gelehrten mit der Beziehung zwischen der Rebe und anderen Pflanzen. Welche Pflanzen sind mit dem Weinbau vereinbar, welche muss man unbedingt vermeiden? Diese Fragen, die unsere Vorfahren beschäftigten, sind heute, da man wieder Bäume und Sträucher in den Rebbergen pflanzt, erneut aktuell.

  5. Eine Agrarpolitik, welche die Natur bewahren will
    Stéphane Emery, agrarwissenschaftlicher Mitarbeiter am Weinbauamt des Kantons Wallis
    Seit den 1980er Jahren erlässt die Schweizer Eidgenossenschaft legislative Mittel, um den ökologischen und landschaftlichen Wert der Landwirtschaftsflächen zu bewahren. Die finanzielle Förderung hatte positive Auswirkungen auf die Natur in den Weingebieten. Inventar und Bestandsaufnahme der im Wallis ergriffenen Massnahmen.

  6. Integrierte Produktion: von ihren Anfängen bis zu ihrer Verbreitung
    Delphine Debons, freischaffende Historikerin
    Der Schutz der Rebe gegen Rebkrankheiten ist seit jeher eine wichtige Aufgabe für die Winzer. Das Auftauchen phytosanitärer Produkte war eine grosse Erleichterung, bevor sich deren Grenzen zeigten. Wie können die anvisierten Erträge und Bedürfnisse der Umwelt unter einen Hut gebracht werden? Die Techniken der integrierten Produktion haben den Winzern endlich zu nachhaltigen Lösungen verholfen.

  1. Biologischer Weinbau – eine Herausforderung für Winzerinnen und Winzer
    Christian Blaser, Agraringenieur und Weinbauer
    Die Winzer wenden sich zunehmend der biologischen Produktion zu. Jenseits der grünen Welle und der Erwartungen der Konsumenten, entspricht dieses Modell einem gesellschaftlichen Anliegen und einer beruflichen Weiterentwicklung. Eine Analyse der Motivationen, Vorteile und Zwänge des Bioweinbaus.

  2. Biodynamischer Weinbau in der Schweiz: ein gesellschaftliches und agrarwissenschaftliches Objekt im Wandel
    Alexandre Grandjean, Anthrophologe am Institut für Sozial- und Religionswissenschaften der Universität Lausanne
    Die Popularität der Biodynamie ist im Schweizer Weinbau gestiegen. Eine Umfrage bei etwa 40 Weingütern zeigt, warum und wie sich Winzer für diese Methode entscheiden, die auf der Anthroposophie gründet. Dabei spielen spirituelle Werte, Streben nach Exzellenz, Sorge um Umwelt und Gesundheit sowie der Wunsch nach mehr «Natürlichkeit» eine zentrale Rolle.

  3. Innovative Rebsorten im Dienst eines nachhaltigen Weinbaus
    Jean-Laurent Spring, Agraringenieur und Verantwortlicher der Gruppe Weinbauforschung, Agroscope
    Die Rebkrankheiten verlangen sechs bis zehn Behandlungen pro Jahr. Die Züchtung von Rebsorten, die resistent sind gegen den Echten und Falschen Mehltau, beispielsweise die 2013 geschaffene Sorte Divico, erlaubt, den Gebrauch dieser Produkte zu reduzieren und einen ökologischen Weinbau zu garantieren. Die agronomische Forschung arbeitet zurzeit an der Entwicklung von rund zehn neuen Varietäten.

  4. Weinbauer als Geburtshelfer des Naturparks Pfyn-Finges
    Peter Oggier, Biologe und Direktor des Naturparks Pfyn-Finges
    Der intensive Weinbau stiess bereits in den 1970er Jahren auf Widerstand seitens der Umweltschützer. In Salgesch führte die Rebmelioration zu heftigen Diskussionen. Der Streit endete in einer damals als neuartig empfundenen Vereinbarung, die zahlreiche Massnahmen zur Erhaltung der Natur im Weinberg enthielt. Dies begünstigte die Gründung des Naturparks Pfyn-Finges.

  5. Die Walliser Weinregion schwenkt auf Grün um
    France Massy, Journalistin und Koordinatorin des Magazins der Semaine du Goût Suisse
    Begrünte Rebberge. Zwischen den Rebzeilen, bunte Flecken und Blüten, die Schmetterlinge und Bienen anziehen. Es ist so weit, die Biodiversität erobert in den Walliser Weinbergen ihren Platz zurück – langsam, aber sicher. Einblick in die aktuellen Erfahrungen von engagierten Winzern.
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